Leipziger Buchmesse 2014
13. — 16. März 2014
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Jacques Chessex' Ropraz

Schauplatz

«Ropraz im waadtländischen Haut-Jorat, 1903. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Land der Wölfe und der Abgeschiedenheit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht zu erreichen, zwei Stunden von Lausanne, auf einer Anhöhe oberhalb der von dichten Tannenwäldern gesäumten Straße nach Bern. Die Häuser liegen oft weit verstreut in Einöden, die von dunklen Bäumen umschlossen sind, enge Dörfer mit geduckten Behausungen. Neue Ideen dringen nicht bis hierher, die Tradition lastet schwer, moderne Hygiene ist unbekannt. Geiz, Grausamkeit, Aberglaube, es ist nicht weit bis zur Grenze nach Freiburg, wo die Hexerei üppig sprießt. Man erhängt sich leicht in den Bauernhöfen des Haut-Jorat. In der Scheune. An Dachbalken. Man hat eine geladene Waffe im Pferdestall oder im Keller. Unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen oder zu wildern, hortet man Pulver, Schrotkörner, schwere Fallen mit eisernen Zähnen, am Wetzstein geschliffenen Klingen. Die Angst geht um.»

Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz (2007, französischer Originaltitel: Le Vampire de Ropraz)

Zu Buch und Autor

In «Der Vampir von Ropraz» wird der Haut-Jorat, eine Gegend von bestürzender Schönheit, zum Schauplatz eines veritablen Schauerromans. Die geschilderten Ereignisse sind historisch verbürgt. 1903 erschütterte der Fall des Leichenschänders von Ropraz die ganze Schweiz und Jacques Chessex spart nicht mit Drastik bei seiner erzählerischen Rekonstruktion. Das Grab der jungen und ungewöhnlich schönen Rosa Gilliéron wurde geschändet, die Leiche missbraucht: «Spuren von Sperma, von Speichel auf den entblößten Schenkeln des Opfers. Blutige Verstümmelung zeigt sich in ihrem ganzen Grauen. Die linke Hand liegt abgeschnitten neben der Leiche.»
Als weitere Leichenschändungen entdeckt werden, kocht der Volkszorn und die Hetzjagd auf einen Schuldigen beginnt. Chessex ist aber nicht nur ein Meister der grausigen Details und des Spannungsaufbaus, sondern auch der dichten Landschaftsschilderungen. Und er hält ein Ende bereit, das es in sich hat: Der Vampir von Ropraz, er hat seinerseits seine letzte Ruhestätte an einem Ort gefunden, der einfach unglaublich ist – aber das sollte man selbst nachlesen...
Jacques Chessex (1934-2009) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Romandie. Internationale Anerkennung erlangte er 1973 mit seinem Roman «L'ogre» (Der Kinderfresser), einem stark autobiografisch geprägten Werk über eine Vater-Sohn-Beziehung. Für diesen Roman erhielt Chessex als erster Nicht-Franzose und als bisher einziger Schweizer den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Seine letzten dreissig Lebensjahre verbrachte Chessex im kleinen waadtländischen Dörfchen Ropraz.
Ein Hinweis: Für den auch literarisch eher seltenen Fall der Leichenschändung hätte man eigentlich ein zusätzliches Symbol auf die Todeskarte setzen müssen. Wir haben uns für den «Mord»-Grabstein entschieden, um Ropraz zu markieren, denn die Opfer werden ja – sehr physisch – sozusagen ein zweites Mal getötet, nach ihrem ersten natürlichen Hinscheiden. (BP)

© wikicommons/Christophe Badoux
Zum Ort

Ropraz liegt auf einer Terrasse im hügeligen Waadtländer Mittelland ungefähr in der Mitte zwischen dem Neuenburger und dem Genfersee. Den westlichen Horizont begrenzt der Jura. Ropraz ist ein kleines Dorf (weniger als 400 Einwohner) in einer ländlichen, bis heute bäuerlich und protestantisch geprägten Region, heute zunehmend ein Wohnort für Pendler nach Lausanne. Die reformierte Kirche wurde 1761 gebaut. Auf dem Gemeindegebiet befinden sich zwei Schlösser.