Leipziger Buchmesse 2014
13. — 16. März 2014
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Otto F. Walters «Jammers»

Schauplatz

«Aber jedesmal, wenn wir von Solothurn her zurück und hereinfahren – es ist unglaublich. Das ist Wandel! Das ist nun tatsächlich die Einfahrt in die Stadt des Jahres 2000. Alles neu. Sechsbahnig die Straße, ein Wald von Beleuchtungsmasten und Ampeln, und nun ein Shopping-Center, ein Hochhaus neben dem anderen. Einfach toll, wie das aussieht. Manhattan. Chicago. Hier bei uns hat tatsächlich die Zukunft begonnen. (...) Unglaublich! Manhattan! Jammers! Da können Bern oder Zürich und eigentlich auch Basel sich allmählich ganz schön anstrengen. (...). Angst? – Jammers wird, wenn's so weitergeht, in zwanzig Jahren die Stadt der Spitzenindustrie, der Spitzeneinkommen, des Fortschritts, der Gerechtigkeit sein, ein neues, ein besseres, ein schweizerisches Chicago, eine Lichterstadt, eine gigantische, computergesteuerte Maschine.»

Otto F. Walter: Die ersten Unruhen (1972)

© KEYSTONE
Zu Roman und Autor

Das überaus ironische Ortsporträt meint – unter dem Decknamen «Jammers» – die mittelländische Stadt Olten. Jammers, sagte Otto F. Walter, sei «die Chiffre für meinen Erfahrungsbereich» und aus «drei, vier Orten jener Gegend» zusammengefügt; Olten gehöre dazu. Ähnlich wie Gerhard Meier mit «Amrain»/Niederbipp und Gerold Späth mit «Barbarswil»/Rapperswil schuf Otto. F. Walter mit «Jammers»/Olten einen eigenen fiktiven Kosmos, in dem mehrere seiner Romane angesiedelt sind. In «Die ersten Unruhen» kommt es im Vorfeld einer Wahl zu einem Umschlag von kollektiver Unzufriedenheit zu Aggressionen. Die titelgebenden Unruhen schliessen Brandstiftungen und Schiessereien ein. In Jammers herrscht Pogromstimmung.
Otto F. Walter (1928-1994) war ab 1956 Leiter des literarischen Programms im väterlichen Verlag in Olten und bewirkte den Wandel des bis dahin konservativen Unternehmens zu einem wichtigen Verlag der literarischen Avantgarde, unter anderem mit Veröffentlichungen von Alexander Kluge und Helmut Heissenbüttel. Nach dem Bruch mit der Verlagsleitung und seiner fristlosen Entlassung übernahm er die Leitung des literarischen Programms bei Luchterhand; später avancierte er dort zum Verlagsleiter. 1973 kehrte er in die Schweiz zurück und etablierte sich als freier Schriftsteller und streitbarer politischer Publizist, der die Anliegen der jungen Generation in der Schweiz der Achtzigerjahre mit Worten und Taten unterstützte. (BP)

Zum Ort

Olten liegt am Jurasüdfuss an der Aare zwischen Solothurn und Aarau. Weil sich hier die Nord-Süd- und die Ost-West-Linien der Bahn kreuzen, wurde die Kleinstadt früh zu einem beliebten Austragungsort für Kongresse und Tagungen. Die meisten Schweizer Bahnreisenden sind schon einmal am Bahnhof Olten (Bild) umgestiegen, aber die wenigsten werden die Altstadt oder die Aussenquartiere besucht haben. Die Mundart-Band «Stiller Has» verewigte Olten im Song «Walliselle»:
«Oder in Olte
Uuh... Olte
Früecher hets öppis golte, Olte
Hüt wott niemer meh halte in Olte, alli fahre uf Walliselle (...)»